Universität Bielefeld
Mittwoch, 24. Februar – Freitag, 26. Februar 2027
1986 erschien im American Historical Review Joan W. Scotts wegweisender Aufsatz »Gender: A Useful Category of Historical Analysis«. Seither hat es nicht an programmatischen Aufrufen gefehlt, Geschlecht, seine (Un-)Ordnungen sowie die Spezifika von Weiblichkeiten, Männlichkeiten sowie Sexualitäten und Identitäten auch jenseits des Binären als analytische Kategorien in der zeithistorischen Forschung in den Blick zu nehmen. Zahlreiche innovative Studien und Forschungsprojekte sind daraus hervorgegangen. Zugleich fällt auf, dass die Berücksichtigung von Geschlecht oft additiv verbleibt, den Status einer Zusatzkategorie behält, auf deren Relevanz zu insistieren allzu häufig Aufgabe engagierter Wissenschaftlerinnen bleibt. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Untersuchung von Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzeptionen in der Geschichtswissenschaft über eine bloß ergänzende Berücksichtigung hinausgehen kann. Dabei gilt es, Vorstellungen und Konstruktionen von Geschlecht als Strukturprinzip historischer Prozesse, Katalysator politischer Deutungs- und Machtkämpfe sowie als wesentlichen Treiber gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen zu analysieren.
Auch wenn diese Fragen die Geschichtswissenschaft insgesamt betreffen, drängt sich ein geschlechteranalytischer Zugriff insbesondere für die zeithistorische Untersuchung der politischen Rechten von konservativen bis hin zu radikalnationalistischen und völkischen Strömungen auf. Denn deren Diskurse sind in hohem Maße durch geschlechterpolitische Semantiken strukturiert. Narrative der radikalen Rechten wie »Gender-Gaga« oder »Großer Austausch« sowie pronatalistische Ideologien fungieren nicht nur als zentrale ideologische Bezugspunkte, sondern entfalten eine beeindruckende Anschlussfähigkeit bis in liberale politische Strömungen.
Diesen Fragen will sich die Tagung an der Universität Bielefeld widmen. Wir möchten insbesondere zur Einreichung von Beiträgen ermuntern, die den Stellenwert von Geschlecht in zentralen Forschungsfeldern historisch einordnen und vergleichend reflektieren, etwa in der Faschismus- und Rechtsextremismusforschung, der NS-Forschung, in Studien zu rechtsreligiösen Strömungen, in der Konservatismusforschung sowie in der historischen Forschung zur europäischen Christdemokratie. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei transnationalen Perspektiven sowie Projekten, die Regionen jenseits des deutschsprachigen Raums in den Blick nehmen. Darüber hinaus sind Arbeiten von Interesse, die Übergänge, Verflechtungen und Abgrenzungsprozesse innerhalb der unterschiedlichen Strömungen der politischen Rechten untersuchen und deren analytisches Potenzial ausloten. Schließlich sind auch Beiträge willkommen, die geschlechtsspezifische Überschneidungen über das gesamte politische Spektrum hinweg sichtbar machen und damit möglicherweise Vorstellungen einer »politischen Rechten« oder auch das Rechts-Links-Schema für einen spezifischen Aspekt infrage stellen. Transnationale Bezüge und Projekte, die Regionen jenseits des deutschsprachigen Raums in den Blick nehmen.
Wir bitten um die Einreichung von Abstracts im Umfang von 2.500 Zeichen sowie einer kurzen biografischen Angabe bis zum 15. Oktober 2026 an lea [dot] tewes [at] zzf-potsdam [dot] de.
Die Tagungssprache ist Deutsch; Vorträge können jedoch auch auf Englisch gehalten werden. Die Publikation ausgewählter Beiträge ist in einem englischsprachigen Special Issue vorgesehen.
Für die Referent:innen werden die Fahrt- und Übernachtungskosten übernommen.
Hier finden Sie den Call for Papers als PDF.
Eine Tagung des DFG-Forschungsprojekts »Die bundesdeutsche Rechte und die ›sexuelle Revolution‹« und des Arbeitsbereichs Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld, des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ) und des VW-Forschungsprojekts »Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000« (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) und Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ) in Potsdam) in Kooperation mit dem Zeithistorischen Arbeitskreis Extreme Rechte (ZAER).
Veranstalter:innen: Sebastian Bischoff (Universität Bielefeld), Isabel Heinemann (IfZ München-Berlin), Christina Morina (Universität Bielefeld), Lea Tewes (ZZF Potsdam)
