Forschungsprojekt
Gefördert von der Hans und Berthold Finkelstein Stiftung
Das Projekt verfolgt das Ziel, eine Biografie des Chemikers Fritz ter Meer (1884–1967) zu verfassen. Diese untersucht seine Rolle als Spitzenmanager der I.G. Farbenindustrie und der Bayer AG in politischen, gesellschafts-, unternehmens- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontexten des 20. Jahrhunderts. Soweit möglich, bezieht wird auch die persönlich-familiäre Dimension einbezogen. Grundlage bilden neue Quellenbestände aus staatlichen Archiven und Unternehmensarchiven im In- und Ausland sowie erstmals auch Unterlagen aus dem Familienbesitz.
Als Sohn des Gründers der Chemischen Werke vorm. Weiler-ter Meer, Edmund ter Meer, wuchs Fritz ter Meer in Uerdingen in einer großbürgerlichen Familie auf. Nach seinem Chemiestudium promovierte er bei dem Nobelpreisträger Emil Fischer und trat 1910 in das Unternehmen seines Vaters ein. In Nordfrankreich leitete er den Aufbau einer Teerfarbenfabrik-Filiale und kehrte 1913 nach Uerdingen zurück, wo er Direktor und 1917 Vorstandsmitglied wurde. Während des Ersten Weltkrieg richtete er die Produktion auf Kriegszwecke aus. Als sich das Familienunternehmen 1925 mit anderen Konzernen der deutschen Chemiebranche zur I.G. Farbenindustrie Aktiengesellschaft zusammenschloss, berief diese Fritz ter Meer in den Vorstand und 1930 in das höchste Leitungsgremium, den Zentralausschuss. Als Vorsitzender des Technischen Ausschusses leitete ter Meer seit 1933 das zentrale wissenschaftlich-technologische Gremium der I.G. Farben. Jahrelange geschäftliche Auslandsaufenthalte in Großbritannien, Frankreich (1910-1913), den USA (1926-1929) und Italien (1943-1945) ermöglichten es ihm, internationale Verbindungen zu wirtschaftlichen, politischen und militärischen Funktionseliten zu knüpfen. Erstmals wird seine bislang kaum beachtete Tätigkeit in Italien 1943 bis 1945 im Stab des Generalbeauftragten des Ministers für Rüstungs- und Kriegsproduktion beleuchtet. Drei Jahre nach seiner Verhaftung in Italien wurde er 1948 im Nürnberger IG Farbenprozess als Kriegsverbrecher angeklagt. Wegen seiner Verantwortung für die Ausbeutung von KZ-Häftlingen im IG Farbenwerk Auschwitz und für die während des Zweiten Weltkriegs unter deutscher Besatzungsherrschaft erzwungene Übernahme von Chemieunternehmen in Polen und Frankreich verurteilte ihn der amerikanische Militärgerichtshof zu einer siebenjährigen Haftstrafe. Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung wurde er Mitglied des Aufsichtsrats der Bayer AG und weiteren westdeutschen Unternehmen bis zu seinem Rücktritt 1964.
Die Studie analysiert die durch einschneidende Zäsuren und langwirkende Kontinuitäten geprägten Handlungsspielräume ter Meers als Manager unter wechselnden politischen, wirtschaftlichen und militärischen Bedingungen im Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem NS-Regime und Bundesrepublik.