Aufbrüche in die digitale Gesellschaft. Computerisierung und soziale Ordnungen in der Bundesrepublik und DDR

Die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung in der gesetzlichen Rentenversicherung (Foto: Siemens-Archiv)

Abgeschlossenes Verbundprojekt 
im Rahmen des „Leibniz-Wettbewerb“ in der Förderlinie „innovative Vorhaben“
gefördert von der Leibniz-Gemeinschaft, Projektdauer: 2014-2017 
Projektleitung: Frank Bösch
Am ZZF wurden vier Teilprojekte bearbeitet (von Dr. Rüdiger Bergien, Martin Schmitt, Julia Erdogan und Thomas Kasper). Weitere Projekte waren am ZZF assoziiert.

Die Etablierung des Computers führte bereits in den 1970/80er-Jahren zu massiven gesellschaftlichen Veränderungen. Dennoch hat sich die Zeitgeschichtsforschung mit diesem Wandlungsprozess bislang kaum beschäftigt. So liegen nur einzelne, vornehmlich wirtschafts- und technikhistorische Arbeiten zur frühen westdeutschen Computertechnik vor, für die DDR besonders zur politischen Lenkung der Produktion und Informatik. Das Projekt setzte sich dagegen zum Ziel, die gesellschaftliche Bedeutung der frühen Computerisierung in gesamtdeutscher Perspektive zu erforschen, indem es die gesellschaftlichen Deutungen, Praktiken und Folgen der zunehmenden Computernutzung in Ost- und Westdeutschland untersuchte. Mit der Phase von den 1960er-Jahren bis hin zur Wiedervereinigung wurde dabei jene mittlerweile historisierbare Zeitspanne bearbeitet, in der sich Computer vor allem in großen Behörden, Unternehmen und schließlich bei Hackern und Spielern etablierten, bevor Anfang der 1990er-Jahre das World Wide Web und die massenhafte Verbreitung leicht bedienbarer PCs eine neue Phase der Computerisierung einleiteten.

Die gesellschaftliche Bedeutung der Computerisierung wurde vor allem für drei Forschungsfelder untersucht. Erstens wurde gefragt, in welcher Form sie die Arbeitswelt veränderte, etwa im Hinblick auf Arbeitsabläufe, -ergebnisse und Betriebsstrukturen. Zweitens wurde aus kultur- und sozialgeschichtlicher Perspektive untersucht, auf welche Weise die Computerisierung Kontroll- und Machtgefüge prägte, etwa inwieweit sie eine zentralisierte Erfassung, neue gesellschaftliche Beobachtungen oder auch subversive Vernetzungen förderte. Drittens wurde die Computerisierung als ein bisher kaum beachteter Baustein in der Konkurrenz des Kalten Kriegs betrachtet. Das Projekt untersuchte die asymmetrischen Verflechtungen zwischen Ost- und Westdeutschland und fragte vergleichend, auf welche Weise der jeweilige politische und ökonomische Rahmen die Computerisierung prägte.

Methodisch verschränkte das Projekt Ansätze der Kultur- und Sozialgeschichte. Alle Teilprojekte waren empirisch angelegt und basierten auf einer Auswertung vielfältiger zeithistorischer Quellen – wie den Archivakten der beteiligten Institutionen und Akteure, den digital produzierten Quellen, den Rohdaten zeitgenössischer sozialwissenschaftlicher Erhebungen zur Arbeitswelt, den zeitgenössischen Periodika (etwa der Gewerkschaften und Computerzeitschriften) sowie der qualitativen Befragung von Zeitzeugen. Die Ergebnisse des Projektes wurden in monographischen Studien und Fachartikeln veröffentlicht. Dabei kann das ZZF an vielfältige Vorarbeiten anknüpfen – sowohl zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte, zu den einzelnen Teilbereichen als auch zur Zeitgeschichte der Informationsgesellschaft.

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