Im 19. Jahrhundert wird die Eisenbahn zum »Treffpunkt der guten (und manchmal weniger guten) Gesellschaft« (Walter Jens). Vom König bis zum einfachen Rekruten, vom Industriemagnaten bis zur Fabrikarbeiterin – fast alle sind gelegentlich mit der Eisenbahn unterwegs. Diese radikalintegrative Funktion trägt ihr bei den Zeitgenossen den Ruf als Nivelliermaschine ein, die soziale Gegensätze zum Verschwinden bringe und den Weg in eine Gesellschaft der Gleichen ebne. Demgegenüber steht allerdings die Segregation der Passagiere, nach Klasse, Geschlecht und »Rasse«.
Niklas Weber untersucht diese Praktiken der Trennung und ihren Wandel. Er beleuchtet die Diskurse und Erzählungen, die sich daran angeschlossen haben: vom Antagonismus der Klassen und sozialer Mobilität, von der Liebe auf den ersten Blick und sexueller Gewalt, von rassistischen Diskriminierungen und antisemitischen Epiphanien. Fast fünfzig Jahre nach Wolfgang Schivelbuschs Klassiker erzählt er die Geschichte der Eisenbahnreise neu, als Kulturgeschichte sozialer Differenzen und Konflikte.
Der Autor, Niklas Weber, ist seit Oktober 2025 wissenschaftlicher Volontär am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Mit dem Buch veröffentlichte er seine Dissertationsschrift, für die er den Merkur-Preis für herausragende Dissertationen 2025 erhalten hat.