Die »Digitalisierung« der Lebens- und Arbeitswelten zählt zu den hervorstechenden Kennzeichen unserer Gegenwart. Dabei ist die gegenwärtige Ordnung des digitalen Zeitalters zugleich das Ergebnis lang anhaltender und kontroverser Aushandlungsprozesse. Aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts lassen sich die gesellschaftlichen Veränderungen im anbrechenden Computerzeitalter seit den 1950er Jahren als Epochenschwelle begreifen, die einen grundlegenden politischen, sozialen und kulturellen Wandel sowie die Entstehung neuer Wissensordnungen, Handlungslogiken und Kommunikationsweisen zeitigte. Zuletzt wurde dieser epochale Wandel als Weg in eine neue, »digitale Gesellschaft« beschrieben.
Bis heute wird dieser Weg in die »digitale Gesellschaft« mit seinen tiefgreifenden sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Auswirkungen häufig als Emanzipationsgeschichte erzählt. Allerdings sind in diesem Prozess zugleich neue Trennlinien und Hierarchien entstanden, durch die gesellschaftliche Ungleichheiten und Machtgefälle reproduziert oder verschärft werden.
Dieses Quellenkompendium widmet sich den bislang wenig thematisierten Schattenseiten der Digitalisierung in Diskurs und Praxis; es macht greifbar, wie sich die teilweise verborgenen Voreingenommenheiten der technologischen Systeme in den Lebens- und Arbeitswelten auswirken. Dazu versammelt der neue zdbooks-Band in 27 Beiträgen eine große Bandbreite an Quellen zur Geschichte des digitalen Zeitalters wie Archivdokumente, Websites, Bilder, Videos, Rundfunkbeiträge etc. Er kombiniert qualitative Einsichten mit den Ergebnissen datengestützter Forschungen, etwa durch den Einsatz KI-gestützter Speech-to-Text-Analysen von Video-Quellen oder Netzwerkanalysen im Bereich der Web History, und entwickelt zugleich neue Formen des digitalen Storytellings. Indem die Sammlung die Exploration der Geschichte des digitalen Zeitalters mit der Erkundung digitaler Methoden verbindet, reflektiert sie zugleich die Digitalgeschichte in konsequenter Weise in ihrer doppelten Semantik als Forschungsgegenstand und -methode.
Der Band ist auf der Open Access-Publikationsplattform zdbooks erschienen, einer Publikationsplattform (Scholar Led Publishing) für digitale Veröffentlichungen im Diamond Open Access. zdbooks ist ein Projekt des Leibniz-Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) und Teil des ZZF-Online-Angebots Zeitgeschichte digital.
In Kürze wird der Band »Digitale Ungleichheiten« auch als Druckversion verfügbar sein.
Priv.-Dozent Dr. Michael Homberg leitet am ZZF Potsdam die Abteiliung: Medien- und Informationsgesellschaft. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die Gesellschaftsgeschichte des digitalen Zeitalters. Seit 1. September 2023 leitet er die Leibniz-Forschungsgruppe "Digital Inequalities. Divides, Hierarchies, and Boundaries in Germany, 1970s to 1990s".
Christine Bartlitz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZZF Potsdam in der Abteilung: Medien- und Informationsgesellschaft. Dort leitet sie die Redaktionen von Docupedia-Zeitgeschichte und Visual History und hat die Projektleitung von zdbooks inne.